Wann ein Pkw ein Totalschaden ist

Immer wieder kommt es bei Verkehrsunfällen zu Streitigkeiten über die Schadenhöhe. Der Bundesgerichtshof klärte vor Kurzem, wann ein Auto so beschädigt ist, dass es als Totalschaden gilt und dementsprechend vom Kfz-Haftpflichtversicherer des Unfallverursachers abzurechnen ist.

7.9.2015 (verpd) Bei der Reparatur eines durch einen Unfall beschädigten Fahrzeugs darf nicht von den Vorgaben des mit der Besichtigung beauftragten Sachverständigen abgewichen werden, um die Reparaturkosten unter die Grenze von 130 Prozent des Wiederbeschaffungswerts zu drücken. Das hat der Bundesgerichtshof (BGH) mit einem kürzlich veröffentlichten Urteil entschieden (VI ZR 387/14).

Wurde bei einem Verkehrsunfall ein Pkw beschädigt, muss der Unfallverursacher beziehungsweise seine Kfz-Haftpflichtversicherung für die Reparaturkosten aufkommen. Anders bei einem Totalschaden, also wenn eine Reparatur unwirtschaftlich ist. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (BGH) gilt eine Reparatur als unwirtschaftlich, wenn die Reparaturkosten mehr als 130 Prozent des Wertes, den ein vergleichbares unbeschädigtes Fahrzeug kosten würde (Wiederbeschaffungswert), betragen.

In so einem Fall muss der Versicherer des Unfallverursachers dem Geschädigten lediglich den Wiederbeschaffungswert, also den Kaufpreis, den man für ein nach Alter und Zustand gleichwertiges Kfz-Modell vor der Beschädigung hätte zahlen müssen, erstatten. Zudem wird der sogenannte Restwert, also der Wert, den man beim Verkauf des beschädigten Autos noch erzielt, abgezogen.

Abweichende Reparaturkosten-Berechnungen

In dem jetzt vom BGH entschiedenen Fall betrug der Wiederbeschaffungswert des bei einem Unfall beschädigten Pkws 1.600 Euro. Die von einem Sachverständigen kalkulierten Reparaturkosten lagen um 86 Prozent über diesem Betrag, also insgesamt 186 Prozent der Wiederbeschaffungskosten. Der Kfz-Haftpflichtversicherer des Unfallverursachers wollte den Schaden daher auf Totalschadenbasis abrechnen.

Das wollte die Halterin des beschädigten Fahrzeugs nicht akzeptieren. Sie reichte dem Versicherer daher eine Werkstattrechnung ein, nach welcher die Reparaturkosten weniger als 130 Prozent des Wiederbeschaffungswerts betragen hatten.

Das war jedoch nur möglich, weil sich die Werkstatt auf Anweisung der Kfz-Halterin bei der Reparatur nicht an die Vorgaben des Sachverständigen gehalten hatte. Es waren zum Teil gebrauchte Teile verwendet worden. Außerdem war auf den Austausch einiger der bei dem Unfall beschädigten Teile verzichtet worden.

Von der Bedeutung eines Gutachtens

Ein derartiges Vorgehen hielt der Bundesgerichtshof jedoch für untauglich, um eine Abrechnung des Unfallschadens auf Basis der Reparaturkosten zu erreichen. Er wies die Revision der Kfz-Halterin gegen ein gleichlautendes Urteil der Vorinstanz als unbegründet zurück. Nach Meinung der Richter steht zwar die Verwendung altersentsprechender und funktionstüchtiger Gebrauchtteile einer vollständigen und fachgerechten Reparatur nicht entgegen. Es komme auch nicht darauf an, ob möglicherweise verbliebene Defizite optisch nicht stören.

Entscheidend sei aber, dass das Fahrzeug nicht, wie in dem Gutachten vorgegeben, repariert worden sei, indem beispielsweise auf den Austausch beschädigter Teile verzichtet wurde. Der Einholung eines Schadengutachtens komme bei der Schadenregulierung jedoch eine zentrale Bedeutung zu. Die aber würde konterkariert, wenn durch das Weglassen von Teilen die Berechnungsgrundlage des Gutachtens untergraben werde.

Die Kfz-Halterin hätte folglich nur dann einen Anspruch auf eine Abrechnung auf Reparaturkostenbasis gehabt, wenn die 130-Prozent-Grenze bei einer fachgerechten Reparatur auf Basis des Gutachtens nicht überschritten worden wäre.

Wenn die Vollkasko-Versicherung einspringt

Übrigens: Besonders ärgerlich ist es für den Inhaber eines Neuwagens, wenn sein Auto durch die Schuld eines anderen so beschädigt wird, dass es sich um einen Totalschaden handelt. Denn auch hier zahlt die Kfz-Haftpflichtversicherung in der Regel nur den Wiederbeschaffungswert (Zeitwert). Laut Rechtsprechung gibt es nämlich meist nur für Neuwagen, die nicht älter als vier Wochen sind und maximal 1.000 Kilometer gefahren wurden, eine Neupreisentschädigung.

Der zustehende Zeitwert liegt jedoch bereits wenige Monate nach dem Kauf eines Neuwagens um einige Prozente unter dem damals gezahlten Anschaffungspreis. Wer einen fabrikneuen Wagen besitzt, sollte daher darauf achten, dass er eine Vollkasko-Versicherung mit einer sogenannten Neupreis- oder auch Neuwertklausel abschließt. Je nach Vereinbarung wird dann bei einem Unfall, egal ob selbst oder durch einen anderen verursacht, der Neuwert nach einem Totalschaden, welcher sich bis zu sechs, zwölf oder auch 24 Monate nach dem Kauf ereignet, auf Wunsch erstattet.

Denn auch wenn der Schaden von einem anderen verursacht wurde, kann man die Leistung der Vollkasko-Versicherung, abzüglich der Leistung der gegnerischen Kfz-Haftpflichtversicherung, in Anspruch nehmen. Allerdings kommt es dann auch zu einer Schlechterstellung des Vollkasko-Schadenfreiheitsrabattes. Man sollte sich daher vorab beim Versicherer erkundigen, ob es sich lohnt, die eigene Kaskoversicherung in Anspruch zu nehmen.